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13.11.2009


Abgesang auf den Schuhplattler

Wie verträgt sich Bayernkitsch mit Oberpfälzer Tradition? Eine kritische Stellungnahme für den Landkreis Amberg-Sulzbach

Das Buch "Mir hom Kirwa" erzählt von Kirwabären, alten Musikanten-Originalen, vom Geldbeutelwaschen und anderen Eigenheiten der Oberpfälzer Kirwa. Das Buch enthält aber auch einige kritische Kommentare zum aktuellen Kirwatreiben in der Region. So wie diesen Beitrag vom weithin bekannten Kirwa-Matador Sepp Lösch:

"Drei Broutwürscht mit Kraut, Puderzucker und Vanillesoß, bittschön ..." -- ja pfui Deifl, so was von Geschmacksverirrung, wird sich der Leser jetzt mit Recht denken. So eine "Kirwa-Brotzeit" würde wohl jeder als Zumutung empfinden und unter Protest zurückweisen. Aber leider gibt es bei so mancher Kirwa im Amberg-Sulzbacher Land ähnlich heftige Geschmacksverirrungen in Sachen Brauchtum zu beklagen. So wenig sich ein mexikanischer Sombrero als Kirwa-Hut eignen würde, so völlig fehl am Platze (sprich an einem Kirwabaum in der Oberpfalz) sind Schuhplattler, Bandltänze und ähnliche Showdarbietungen aus der "boarischen Klamottenkiste". Wer auch immer so einen tänzerischen Import aus Oberbayern bzw. Österreich ins hiesige Kirwabaumaustanzen hinein schmuggelt, handelt nicht nur gedankenlos, nein, er tut der oberpfälzischen Kirwatradition Gewalt an.

Wer etwa nachschaut, was der oberpfälzische Volkskundler Franz-Xaver von Schönwerth bereits im 19. Jahrhundert über die oberpfälzische Kirchweih und ihre Bräuche niedergeschrieben hat, wird auch nur nach dem geringsten Hinweis auf Schuhplattler oder andere Figurentänze vergeblich suchen. Vielmehr beschreibt Schönwerth sehr authentisch, wie mit den hierzulande bodenständigen Rundtänzen, also Paartänzen wie Walzer, Landler, Dreher, Schottisch oder Bairischen (nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls in Oberbayern angesiedelten "Boarischen") schon vor 150 Jahren oberpfälzische Kirwabäume ausgetanzt wurden.

So wie die fränkische Kerwa ihre typischen Eigenheiten aufweist und dadurch unverwechselbar wird, so regionaltypisch muss auch die oberpfälzische Kirwa in unserem Gäu bleiben. Mit von Dorf zu Dorf unterschiedlichen Spielarten wie Köichlsingen, Kirwabärentreiben, Eilwagen-Fahren, Geldbeutelwaschen, Aussingen und anderen Varianten bieten unsere heimischen Kirchweihfeste Abwechslung und Vielfalt genug.

Und wenn am Kern des Brauchtums (und dazu zählt ja wohl das Austanzen des Kirwabaums) nicht unnötig herumgefummelt wird, dann kann so eine Kirwa auch den Anspruch erheben, eine echte, unverfälschte oberpfälzische Kirwa zu sein. Die Bräuche, die sich um dieses seit Jahrhunderten belegte beliebteste Fest unserer Heimat ranken, haben nichts mit billigem Klamauk zu tun. Und sie haben es nicht verdient, im Einheitsbrei der Sepplhosen-Bayerntümelei zerkocht zu werden. So wie ein oberpfälzischer Kirwabursch eben nicht jodelt und keinen "Juchizer" hören lässt, sondern schlicht und ergreifend gurzt, so werden hierzulande Oberkirwapaare eben auch nicht schuhplattlerisch oder bandltanzerisch gekürt, sondern stilecht mit den überlieferten Tanzformen des Zwiefachen, des Landlers, des Rheinländers, der Mazurka (auch als "Schleiderer" bekannt) und mit den dazwischen gestreuten einheimischen Kirwa-Liedern und G'stanzln.

Bayern ist doch viel mehr als Schuhplattler, Adlerflaum am Hut, Fingerhakeln und "Holzhackerbuam", jede bayerische Region hat ihre typischen Feste und Bräuche, ihre eigenen Trachten und Sitten, ihre eigene Mundart. Diese regionale Vielfalt und Verschiedenheit am Leben zu erhalten und so deutlich zu machen, dass sie auch "der Preiß" erkennen und schätzen lernt, das ist die eigentliche Aufgabe, der sich junge Leute stellen müssen, wenn sie sich dazu entschließen, eine Kirwa auszurichten. Landhaus-Modeschnickschnack, schuhplattlernde Buam und juchizernde Deandln haben dabei nichts verloren. Sie gehören in die Schublade "Bayernkitsch" à la "Dahoam is dahoam". Nix für unguat, und a schöine Kirwa! A echte halt.

Autoren = Aus dem Buch "Mir hom Kirwa!"

Uli Piehler, Buch- und Kunstverlag Oberpfalz 2009,
ISBN: 978-3-935719-56-8, 144 Seiten, Preis: 17.90 EUR


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